Das Steintor

Foto:Steintor

Seit Jahrhunderten bildet das Steintor das Wahrzeichen der Stadt Anklam. Bereits 1404 das erste Mal im Stadtbuch erwähnt, war es vermutlich das erste aus Steinen erbaute Stadttor Anklams. Es bildete lange Zeit den Eingang zur alten und einst mächtigen Hanse-Stadt Anklam.

Dieses 32 m hohe Tor aus der Backsteingotik ist das einzig erhalten gebliebene von insgesamt 6 Stadttoren der mittelalterlichen Befestigungsanlage Anklams. Es wurde vermutlich schon um 1250 angelegt und war ursprünglich nur halb so hoch. Um 1450 stockte man es auf seine jetzige Höhe auf. Aussparungen im Mauerwerk im oberen Bereich sowie dessen schlichte Gestaltung lassen vermuten, dass es ursprünglich einen hölzernen Wehrgang besaß. Mit Aufkommen der Feuerwaffen veranlasste 1570 der Magistrat der Stadt den Bau eines Vortores.

Im Dreißigjährigen Krieg 1634, wurden vor der Stadtmauer Raveline aufgeschüttet und mit Kanonen bestückt. Im Verlauf des Siebenjährigen Kriegs wurden 1759 alle Wehranlagen geschleift.

Das verschont gebliebene Steintor wurde fortan bis um 1900 durch den Einbau massiver Zellen als Stadtgefängnis benutzt. Im dazugehörigen Hof, dem heutigen Museumsvorhof, fand 1853 die letzte Hinrichtung statt.

Das nahezu 100 Jahre ungenutzte Torhaus wurde ab 1986 mit erheblichem denkmalpflegerischem Aufwand zum Museum ausgebaut und 1989 erstmals für die Besucher geöffnet.

 

 

Artikel zur Baugeschichte von Herman Scheel, Heimatkalender 1937

Das Steintor als Gefängnis im 16. Jahrhundert, Heimatkalender 1937



Anlässlich dringender Sanierungsarbeiten am Steintor im Jahre 1936 veröffentlichte Heimatforscher Hermann Scheel nachfolgenden Artikel über die Baugeschichte des Tores im Heimatkalender 1937 (leicht gekürzt)

Hermann Scheel

Das Steintor

Vor kurzer Zeit hat das Steintor seine Hülle abgeworfen. Neu im alten Glanze steht es da. Mit Wohlgefallen und Stolz blickt der Bürger auf sein altes Wahrzeichen.
Unsere Väter haben es zum Schutze der Stadt erbaut. Es erfüllte aber auch einen anderen Zweck. Mit seiner überragenden Größe und mit dem fein gegliederten Giebel sollte es dem Fremden, der sich der Stadt näherte, künden von der Macht und dem Wohlstand des Ortes.Es war gewissermaßen das Aushängeschild der Stadt.

Urkunden über das alte Tor sind nicht vorhanden. Die Nachrichten in der Chronik sind dürftig. Die ältesten Bilder reichen nur bis zum Jahre 1618 zurück. Das meiste aus seiner Geschichte verrät das Tor selber dem, der mit prüfendem Auge das alte Gemäuer betrachtet.

Schon der Name hat uns etwas zu sagen über die Zeit seiner Gründung. Die deutschen Ansiedler, die um die Mitte des 13. Jahrhunderts ins Land kamen, brachten aus dem Westen Erfahrung in der Kunst der Stadtbefestigung mit. Sie umschlossen den neugegründeten Ort sehr bald mit Mauern und Gräben. Nicht alle Tore werden gleich aus Steinen erbaut worden sein. Zum Norden, Westen und Süden war die Stadt durch einen breiten Sumpfgürtel gegen feindlichen Angriff geschützt. Dort genügten fürs erste hölzerne Tore. Im Osten aber reichte der feste Boden bis unmittelbar an die Mauer heran. Diese gefährdete Stelle erforderte einen besonderen Schutz und wurde durch ein Tor aus Steinen gesichert, welches zum Unterschied von den übrigen deshalb das Steintor genannt wurde. Von ihm hat dann wieder die Steinstraße ihren Namen erhalten.

Das erste Steintor war aber ein Zwerg neben dem jetzigen. Wer das Tor aufmerksam betrachtet, wird sehen, dass etwa das untere Drittel desselben aus roten Ziegeln besteht, während der obere Teil aus gelblichen Steinen erbaut ist. Der rote Teil ist das ursprüngliche Tor. Ergänzt man sich diesen Teil im Geiste durch ein entsprechendes Giebeldreieck, dann erhält man eine Form, wie wir sie von den meisten Toren Vorpommerns und Mecklenburgs kennen, und die gewiss viel harmonischer wirkt als die allzu große Schlankheit unseres jetzigen Tores. Abb. 1A zeigt das Verhältnis des alten und neuen Tores zueinander.

An dem alten Unterbau lässt sich mancherlei beobachten. Die Steine sind 9 cm dick, 12 cm breit und 27 cm lang. Das ist ein ungewöhnlich dickes und schmales Format, wie wir es in Anklam nur noch im ältesten Teil der Marienkirche wiederfinden. Auch in der Struktur stimmen die Steine der beiden Bauten überein. Und da dieser Teil der Marienkirche dem so genannten Übergangsstil angehört und seine Erbauung bald nach 1250 angesetzt wird, so kommen wir damit der Gründungszeit Anklams (1242) sehr nahe. Wir dürfen also annehmen, dass das Steintor so alt ist als die Stadt selber.

Die Außen - oder Feldseite des alten Tores ist ohne jeden Schmuck, ein reiner Zweckbau. Die glatten Wände zeigen 6 schmale Schießscharten. In der tiefen Rille hinter den stark vorspringenden Pfeilern bewegte sich das Gatter auf und nieder. Am interessantesten ist die der Steinstraße zugekehrte Seite. Der Rest des ursprünglichen Tores, in der Zeichnung 1 A schraffiert, hebt sich in den Zeichnungen 1 B und 1 C durch seine schöne Gliederung vorteilhaft von den benachbarten Bauteilen ab. Die schmalen , von unten nach oben immer kürzer werdenden Blenden (a, b, c) verraten durch die zierlichen Formen der oberen (c), dass das Gebäude hier dem Abschluss zustrebte, also nicht viel höher gewesen sein konnte.


Skizzen vom Steintor

Zwischen den schraffierten alten Bauresten finden wir in der Abb. 1 A eine große Öffnung, die oben durch einen Spitzbogen geschlossen ist. Diese Öffnung (d) ist eine Annahme, für die viele Gründe sprechen.

Die Zeichnung 1 B gibt das Steintor so wieder, wie wir es bisher kannten. Um das Gebäude herum laufen 3 Bänder von übereckgelegten Steinen (e e, f f, g g. Während das untere Band (e e) quer über die Westfront läuft, das Band f f unterbrochen. Bei der gegenwärtigen Erneuerung hat man (ich möchte sagen, leider) das fehlende Zwischenstück ergänzt. Bei dem oberen Band (g g) ist diese Ergänzung mit andersfarbigen Steinen und in gröberer Arbeit schon viel früher erfolgt, vielleicht schon beim Aufstocken des Tores. Das plötzliche Abbrechen der Bänder f f und g g bedeutet, dass an den Abbruchstellen die Mauern einmal zu Ende waren und dass das dazwischenliegende Stück eine spätere Ergänzung sein muss. Betrachtet man dieses eingefügte Stück auf der Zeichnung 1 B und 1 C, so erkennt man an den breiten unbeholfenen Blendenformen desselben, dass es in den übrigen feingegliederten Teil des Baues nicht hineinpasst. Es besteht größtenteils auch aus anderen Steinen, nämlich aus denselben hellen Ziegeln, aus denen der obere Teil des Tores erbaut ist. Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass sich an dieser Stelle ursprünglich eine Öffnung befunden hat, wie sie Abb. 1 A zeigt, und wie sie heute noch an anderen Toren zu sehen ist (Abb. 2).


Skizze: Rostocker Tor in Teterow

Beim Rostocker Tor in Teterow ist sie heute durch eine Bretterwand verschlossen. Das Luisentor in Demmin scheint ganz ähnlich wie das Anklamer Steintor aus einem alten niedrigen Gebäude mit durchbrochener Rückwand entstanden zu sein (Abb. 3.)


Skizze: Luisentor in Demmin

Wann das Steintor zu seiner jetzigen Höhe von 32 m empor gezogen wurde, ist nicht bekannt, jedenfalls noch vor Einführung der Feuerwaffen, vielleicht in derselben Zeit, wie der Hohe Stein erbaut wurde (1458).

Das sonst überall durch Blenden belebte Mauerwerk zeigt unter dem Giebelfeld (zwischen den Buchstaben h und i) an allen 4 Seiten große, kahle Mauerflächen, in deren Mitte sich Luken (k) befinden, so groß, dass ein Mensch aufrecht darin stehen kann. Diese 4 Luken waren Türen zu einem Wehrgang, der um den Turm herumführte. Die Löcher aus denen die Tragebalken hervorragten (11), sind noch zu sehen, die in der Zeichnung sichtbaren kleineren Löcher unter denselben für die schrägen Stützbalken, sowie die Löcher darüber für das Dachgebälk des Wehrganges, sind bei der letzten Ausbesserung zugemauert worden.

Die Abb. 1 C zeigt, wie unsere Väter vor 400 Jahren ihr Steintor sahen. Durch den Wehrgang wurden die kahlen und unschönen Wandflächen des heutigen Tores vollkommen verdeckt. Nur so ist das Bauwerk vollständig und schön.
Von diesem Wehrgang aus schaute der Türmer ins Land, spähte er hinüber zum Hohen Stein, beobachtete er die Peene stromauf- und abwärts, und warnte er die untenstehende Torwache durch Hornsignale, wenn Gefahr drohte. Von hier aus verteidigten sich die Bürger mit Pfeil und Bogen und Lanzen. Nach Norden und Süden schloss sich die Stadtmauer an das Tor an. Auf den Wehrgang der Mauer gelangte man durch seitliche Türen. . . .

 

Als die Feuerwaffen in Gebrauch kamen, erfuhr das Steintor einen völligen Umbau. 1570 wurde vor demselben ein Gewölbe angelegt, zu dem die Ellernpfähle schon ein Jahr zuvor eingerammt waren: (Stavenhagen); denn dieses Vortor musste dort errichtet werden, wo sich bis dahin der Graben befand, der nun weiter nach vorne verlegt und verbreitert wurde. Im 30 jährigen Kriege (1634) erweiterte man abermals die Festungswerke. Damals entstanden die Bastionen, die der Stich von Merian deutlich zeigt. Der ganze Anklamsche Kreis war verpflichtet, daran mitzuarbeiten.

Aus der Zeit von 1600 bis 1689 besitzen wir 5 Stadtbilder. Auf jedem ist das Steintor zu sehen, aber auf allen ist es verschieden dargestellt. Keines zeigt mehr den Wehrgang oben am Tor. Er wird 1570 verschwunden sein, da er nach Errichtung des Vortores seine Bedeutung verloren hatte. Die 3 Ölbilder im Rathaus (datiert 1600, 1625 und 1689, wovon die Datierung von 1600 anzuzweifeln ist) weisen ein gewaltiges Vortor und vor demselben eine lange Brücke, mit einer Klappe zum Öffnen auf. Die Abb. 4 gibt die Ansicht des Tores aus dem Jahre 1689 wieder.


Skizze vom Steintor nach einem Ölbild  von 1689

"Das alte Gewölbe vor dem Steintor, vermittelt dessen die Wälle auf beiden Seiten des Tores zusammenhingen, wurde 1759 niedergerissen." berichtet ein Zeitgenosse, der damalige Rektor Körbin der Lateinschule. Das Niederreißen ist gründlich gemacht worden; denn von all den Vorbauten ist heute nichts mehr zu sehen. Beim Bau der Kanalisation fand man in der Erde, dort, wo heute die Anschlagsäule steht und noch weiter vom Tor entfernt, Reste starker Fundamente.

Nachdem das Steintor als Festungswerk bedeutungslos geworden war, wurde es zum Gefängnis umgebaut. Ein riesiger Schornstein führt durch das ganze Tor. Er ruht auf dem Gewölbe der Durchfahrt und teilt das Tor von unten bis oben in eine östliche Hälfte, in der sich die Treppen, und in eine westliche, in der sich in 4 Stockwerken übereinander Gefängniszellen befinden. . . .

 

Der kleine Hof hinter der ehemaligen Polizeiwache war der Gefängnishof. Auf demselben fanden auch Hinrichtungen statt, die letzte 1853.

Mit dem Umbau in diesem Jahre wurde dem beginnenden Verfall des alten Tores Einhalt geboten. Es hatte sich durch den erhöhten Straßenverkehr der letzten Jahre bereits große Risse gebildet. Starke eiserne Anker, die das Tor von Osten nach Westen und von Süden nach Norden zusammenhalten, verhindern ein weiteres Auseinanderdrängen. Durch Ziegel im alten Format, die für diesen Zweck besonders hergestellt wurden, sind alle schadhaften Stellen des Mauerwerks aus gebessert worden. Das Tor ist wieder zu einem Schmuckstück geworden und im Olympiajahre 1936 zu einer Ehrenpforte für die fremden Gäste, die unsere Stadt berührten.


 

Aus dem Holzherrenbuch (S. 160 b - 161 a)

Das Steintor als Gefängnis im 16. Jh.

Hans Maßke, Tewes Maßken Sohn von Treptow, dero Zeit bei dem Kuhhirten zu Bugewize dienende, ist, dahero dass er Dinnies Kusels, des Scharfhirten daselbst zu Bugewiz seine Frau mit einem großen Staken geschlagen und zwei Ribben im Leibe entzwei gebaculieret und solchs aus anderer Leute allein leichtfertigen Afterreden und Angaben getan, allhie auf das Steintor gefänglich eingesetßt und enthalten. Hat sich versprochen, dem Hölzern Jochim Trillen ½ Taler (etwa 2, 32 RM) Bruche (Geldstrafe) zu erleggen zwischen Dato und Michaelis und ist also der Gefängnis uf geschworene Urpheide de non ulciscendo (d.h. sich nicht rächen zu wollen) erlassen . Vor solche Urpheide und verwirkten Bruch seind Bürge geworden Peter Borneman und Hans Mittelkop, beide zu Bugewiz wohnhaft.

Actum Ancklam Montages nach Johannis anno (15)84


Veröffentlicht von Dr. J. M. Bruinier im Heimatkalender 1937

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